NETBASE / t0
Institute for New Culture Technologies

   
 
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  Auszeit in der Kampfzone
Ein Rückblick auf die urbanen und symbolischen Konfliktlinien der Public Netbase
von Clemens Apprich

Als das von Konrad Becker und Francisco de Sousa Webber gegründete Institut für neue Kulturtechnologien/t0 1994 mit seinem Server auf dem Rechner des Wiener AKH online ging, steckte das Internet in seiner massentauglichen Anwendung noch in den Kinderschuhen. Die Entdeckung des aus der heutigen Alltagswahrnehmung nicht mehr wegzudenkenden Mediums markierte dabei einen kulturhistorischen Moment, in dem nicht zuletzt die Kunst- und Kulturschaffenden nach Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien suchten und am Institut für neue Kulturtechnologien/t0 auch vorfanden. So war es vor allem die Vermittlungsarbeit an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie, die zu einem grundlegend neuen Verständnis der kulturellen Praxis führte und damit den Aufbau einer international vernetzten Medienplattform ermöglichte. Diese siedelte auch schon bald den hauseigenen Kulturserver in den Wiener Messepalast (später: Museumsquartier), wo das engagierte Kulturprojekt t0 zur Public Netbase ausgebaut werden konnte: Neben einem öffentlich zugänglichen Internetproviding bot diese nunmehr eine Vielzahl an Workshops und Vorträgen zu den Versprechungen und Risiken der rasant wachsenden Informationsgesellschaft an. Bei seiner Eröffnungsrede am 17. März 1995 sprach der Philosoph und Essayist Peter Lamborn Wilson sodann auch von den Herausforderungen einer zunehmend mediatisierten Welt, in welcher Information vermehrt zum Rohstoff der modernen Gesellschaft werde. Als Hakim Bey ist Wilson vor allem für seine Überlegungen zur "Temporär Autonomen Zone" (Bey 1990) bekannt geworden: Diese meint eine bestimmte Situation, in der die herrschende Ordnung kurzzeitig und lokal außer Kraft gesetzt wird. Doch fernab einer immateriellen Cyberutopie, betont Bey hierbei die Koppelung der T.A.Z. an den Realraum, da diese nur so mit (sozialer) Bedeutung gefüllt werden kann.

So war es auch für die Public Netbase von Anfang an klar, sich nicht einer virtuellen Imagination der neuen Medien hinzugeben, sondern bewusst die aus dem Gebrauch neuer Informations- und Kommunikationstechnologien entstandenen Kulturpraxen in den urbanen Raum hineinzutragen. Die moderne Stadt bildet dabei eine hybride Mischung aus physischem und digitalem Raum, über dessen architektonische Gestalt sich eine Vielzahl an Datenströmen gelegt hat. Diese Datensphäre enthält neben mobilen Kommunikationstechnologien wie Telefon oder Laptop auch die stark expandierenden Überwachungssysteme und die immer tiefer in das Stadtbild eingreifenden Werbemedien. Angesichts eines solch rasanten Vordringens der neuen Technologien in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gewinnt die kulturelle Praxis mit elektronischen Medien eine immer größere Bedeutung. Der städtische Raum fungiert dabei als künstlerisches Handlungsfeld, auf welchem mittels Konfrontation, Agitation und Intervention neue Öffentlichkeiten geschaffen werden, um damit den um sich greifenden staatlichen wie ökonomischen Einschließungstendenzen entgegenwirken zu können. Public Netbase zählt hier zu den Pionieren, die in Österreich und Europa erstmals den digitalen Raum für eine kritische Medienarbeit erschlossen haben. Ihre Anstrengungen richteten sich auf die politische Bewusstseinsbildung gegenüber einer sich neu formierenden Netzwerkgesellschaft, in welcher virtueller und realer Raum zunehmend verschmelzen. Das Nachdenken über die symbolischen Herrschaftszusammenhänge lieferte dabei das nötige Rüstzeug, um abseits einer konsumorientierten Nutzungslogik neue Formen der künstlerischen wie kulturellen Praxis zu erproben. Die daraus entstehenden Konflikte gilt es aufzugreifen und in verhandelbare Positionen öffentlicher Auseinandersetzung zu verwandeln – "particularly since contemporary art itself has now been normed, organized, channeled into the safe-havens of museums. The debate must be created, extended, deepened and resolved in public, where the issues themselves exist” (Holmes).

Kampfzone Museumsquartier

Ein erster Versuch der Autonomisierung innerhalb des Wiener Kulturbetriebes sollte vor allem durch den "Public Access" erreicht werden, indem innerhalb kürzester Zeit rund eintausend Kunst- und Kulturprojekten ein kostengünstiger Netzzugang ermöglicht wurde. Diese Schnittstelle von Technologie, Wissenschaft und Kunst zielte dabei schon früh auf den Aufbau digitaler Netzwerke der Zusammenarbeit ab, wodurch es möglich wurde, führende TheoretikerInnen und KünstlerInnen einer neuen Cyberkultur vorzustellen. Die Vielfalt des Angebots und intensive Nutzung desselben durch die lokale wie internationale Szene erlaubte dabei schon bald den Umzug in größere Räumlichkeiten. Mit der Eröffnung des Media~Space Veranstaltungsraums Anfang 1997 konnte die Frage nach der Bedeutung elektronischer Medien für die kulturelle Diskussion um Kreativität in zeitgenössischen Kunstpraxen in einem reichhaltigen Programm behandelt und so das Impuls gebende Potenzial der Public Netbase für eine innovative Kulturpolitik zu Beginn des 21. Jahrhundert unterstrichen werden.
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Die Vorstellungen über einen adäquaten Aktions- und Produktionsraum, der die Entwicklungen im Bereich neuester künstlerischer Ausdrucksformen aufgreifen und dafür Präsentations- und Auftrittsmöglichkeiten bieten sollte, gerieten allerdings zunehmend in Opposition zu den Verantwortlichen des Wiener Museumsquartiers, welches zu diesem Zeitpunkt vor einem millionenschweren Umbau stand. Dass die Meinungen bei einem Projekt dieser Größenordnung naturgemäß auseinander gehen, sollte dabei nicht weiter verwundern, gehört das 60.000 Quadratmeter große, mitten im Zentrum der Stadt Wien angesiedelte Areal doch zu den am heftigsten umstrittenen Kulturkampfzonen Österreichs.

Liegen zwischen dem Bau der kaiserlichen Hofstallungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts, der späteren Nutzung als Messe- und Ausstellungsgelände sowie der offiziellen Eröffnung des neuen Museumsquartiers im Juni 2001 rund 300 Jahre, erforderte alleine die Entwicklungsgeschichte des von der Republik Österreich und der Stadt Wien finanzierten Projekts über 20 Jahre. Als das Gelände erstmals 1977 als eine mögliche Kapazitätserweiterung für die österreichischen Bundesmuseen in Betracht gezogen wurde, begannen die Diskussionen um die Ausgestaltung eines neuen Museumsviertels. Zehn Jahre später wurde dieses öffentlich ausgeschrieben, wobei das Projekt der Architektenbrüder Laurids und Manfred Ortner schließlich im April 1990 per einstimmigen Juryentscheid zum Sieger erklärt wurde. Das vom damaligen Museumsminister Erhard Busek noch als "Haus des 21. Jahrhunderts" bezeichnete Projekt sah neben dem Bau eines Museums moderner Kunst sowie einer zusätzlichen Kunst- und Veranstaltungshalle insbesondere die Errichtung eines Medienturms (auch Leseturm genannt) vor, der als neues Wahrzeichen zeitgenössischer Kunst 67 Meter über die barocke Fassade des Quartiers reichen sollte. Die symbolische Überschreitung des Habsburgerstalls geriet dabei zum Zankapfel in der Auseinandersetzung um das kulturelle Erbe Österreichs. So stellte sich eine eigens gegründete Bürgerinitiative an die Spitze des mithilfe von Österreichs Boulevard und der Freiheitlichen Partei (FPÖ) inszenierten Kulturkampfes, der dem "Museumsmonster" mit Volksbefragung und Denkmalamt an den Kragen wollte. Als letztlich auch die Wiener Volkspartei (ÖVP) im September 1992 dem Druck nachgab und ihre früheren Vereinbarungen mit der Sozialdemokratischen Partei (SPÖ) platzen ließ, war die Idee des Medienturms als Archiv, Reflexionsforum, Forschungszentrum und Ort der Mediendemokratisierung endgültig gestorben.

Dieser Prozess des kulturpolitischen Tauziehens, an dessen Ende die Umgestaltung eines Zentrums zeitgenössischer Kunst in einen zusätzlichen Standortfaktor internationaler Städtekonkurrenz stand, verweist dabei auf eine jene Konfliktlinien innerhalb der österreichischen Kulturlandschaft, welche "Kunst auf ihren dekorativen Schauwert reduziert, statt sie als Denk-Form zu begreifen" (Rollig 1995). Die auf Konsum und Eventmarketing zielende Kulturvermittlung verkennt dabei die ästhetischen Entwicklungen an der Wende zum 21. Jahrhundert, wo sich der ansonsten so hermetisch abgeriegelte Kunstbetrieb gegenüber neuen Gesellschaftsbereichen zu öffnen vermag. So bildete gerade die Schnittstelle zwischen Kultur und Technologie, Kunst und Gesellschaft das zentrale Betätigungsfeld der Public Netbase, deren Bestrebung nach einem autonomen Gestaltungsraum nun immer mehr in direktem Widerspruch zur restaurativen Kulturpolitik geriet. War die Public Netbase bereits im Jahr 1998 aufgrund der feministischen Diskursreihe "sex.net" Ziel einer populistischen Hetzkampagne durch die Freiheitliche Partei, die erst vor Gericht zu Gunsten der Netzkultur-Institution gestoppt werden konnte, nahmen die Anfeindungen mit der autoritären Wende, welche die Bundeskoalition aus Volkspartei und Freiheitlichen seit ihrem Amtsantritt zu Beginn des Jahres 2000 verfolgte, in bedrohlichem Ausmaß zu. So ortete der designierte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hinter der "Internetgeneration" die DrahtzieherInnen der Proteste gegen seine rechtsextreme Bundesregierung. Da tatsächlich ein Großteil der regierungskritischen Projekte auf dem t0-Server lag, führte der dadurch geweckte Argwohn schon bald zu repressiven Schikanen in der Fördervergabe, welche sich letztlich in einer massiven Kürzung der Basisfinanzierung niederschlugen.

Am 5. April 2000 erhielt die Public Netbase die Kündigung der Räumlichkeiten im Museumsquartier Unter dem Vorwand der Renovation ihres Standorts im Fischer von Erlach-Trakt sollten sie das Areal mit 30. April 2001 verlassen ohne jedoch Ersatzräumlichkeiten oder einen Termin für den Wiedereinzug in Aussicht gestellt zu bekommen.
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Trotz der viel beschworenen "Dialogbereitschaft" des neuen Geschäftsführers der Museumsquartier Errichtungs- und Betriebsgesellschaft, Wolfgang Waldner, entstand der Eindruck, dass der erfolgreichen Kulturinstitution ihre Existenzgrundlage entzogen werden sollte. So musste die Public Netbase schon im Sommer 1999 zur Kenntnis nehmen, dass die bereits geplante und ausfinanzierte Erweiterung des Media~Space in der Ovalhalle H des Museumsquartiers einem Neuentwurf weichen musste.
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Plötzlich galt nicht mehr, was Waldners Vorgänger noch bekräftigt hatten, nämlich dass die Public Netbase nicht nur ein unverzichtbarer und integraler Bestandteil des neuen Museumsviertels sein sollte, sondern auch ein substantieller Ausbau ihrer Präsenz angestrebt würde. Nach dem Wegfall des Medienturms stand nun auch eine der erfolgreichsten Kulturinstitutionen im Bereich neuer Medien vor dem Aus. So entsprach das von Markus Weiland und Vitus Weh vorgelegte Strukturkonzept für ein zukünftiges Quartier 21 weder der erforderlichen Raumsituation, noch der oft zitierten "kulturellen Vielfalt" im Museumsquartier. Denn anstelle einer nicht-hierarchischen Plattform aus unterschiedlichen Kulturinstitutionen, die ihr zeitgenössisches Programm in weitestgehender Unabhängigkeit erstellen sollten, entpuppte sich das Quartier 21 als zentralistische Organisationsform, welche es dem bis dahin in der Rolle des Hauswarts auftretenden Waldner erlauben sollte, in die inhaltliche Planung einzugreifen.

Nachdem die Förderung der Bundesregierung aus politischen Gründen zunächst gekürzt und kurz darauf ganz gestrichen wurde, musste die Public Netbase nun auch um ihren Standort im Museumsquartier bangen. Da Waldner den Abschluss über einen adäquaten Mietvertrag hinauszögerte und stattdessen die Beteiligten in das starre Korsett des Quartier 21 drängen wollte, wurde er von den betroffenen Institutionen (neben Public Netbase auch Basis Wien, das Depot, oder die springerin) am 11. Juni 2001 darüber informiert, dass die von ihm vollzogene Kündigung der bisherigen Bestandsverhältnisse als gegenstandslos betrachtet werden müsse.
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Daraufhin verbot Waldner kurzerhand den Projektbeitrag von Public Netbase zu den bevorstehenden Eröffnungsfeierlichkeiten Ende Juni 2001, deren Eröffnungsmotto "Barock meets Cyberspace" in geradezu apodiktischer Weise auf die bestehenden Konflikte hinzuweisen schien. So galt es für die Verantwortlichen des Museumsquartiers, die geladenen Festgäste aus Politik, Kultur und Medien mit einer konzertierten Inszenierung zu beeindrucken. Die Idee der Public Netbase, mittels eines "urban screening" die anonymisierte Masse selbst in die Feierlichkeiten einzubeziehen, indem vor Ort erstellte Textbotschaften, Grafiken und Animationen an die Fassade der ehemaligen Hofstallungen projiziert werden sollten, schürte dabei die Angst vor einer weitgehend unberechenbaren Kunstpraxis. Da sich Zensur aber bekanntlich nicht selbst zensurieren kann, wurde das Verbot zum Anlass für die eigentliche Kunstaktion: Mit einem im Staatsratshof des Museumsquartiers errichteten, von Sandsäcken, Panzersperren und Stacheldraht umgebenen Militärzelt sollte auf die politischen Vereinnahmungsversuche des "Museumsdirektors" hingewiesen und die Verantwortlichen daran erinnert werden, dass "Kunst und Kultur nicht gemütlich und schon gar nicht gefällig" seien. Die nunmehr symbolisch vor Angriffen geschützten Statements des "remote viewing" sollten vor allem zum Ausdruck bringen, dass die kulturelle Vielfalt entgegen den öffentlichen Darstellungen noch immer bitter erkämpft und verteidigt werden müsse. Dass es der Public Netbase damit auch ernst war, zeigte sie in der Nacht von 26. auf 27. September, als die Zelt-Installation unerwartet in das Zentrum des Museumsquartiers gerückt wurde. Unter dem Titel "remote jam" diente das Basislager nunmehr als "leuchtendes" Beispiel partizipativer Medienkultur, indem eine neuartige Internet-Anwendung die weltweite Teilnahme an einer musikalischen Echtzeitkomposition ermöglichte und somit als unüberhörbares Zeichen für einen Wiedereinzug erinnerte. Durch eine auf Initiative der Stadt Wien erreichten Vereinbarung schien ein Kompromiss dann auch tatsächlich möglich, wurde aber letztlich durch die starre Haltung Waldners vereitelt und die unbequeme Kulturinstitution Anfang 2002 aus den von der Bundesregierung vermieteten Räumlichkeiten geworfen.
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Kampfzone Karlsplatz

Nach dem Rauswurf bezog das Basislager seinen neuen Standort vor den Toren des Museumsquartiers, wo in Kooperation mit den britischen Medienkünstlern Graham Harwood und Matthew Fuller das interaktive SMS-Radio-Projekt "text-fm" installiert wurde. Mittels einer speziellen Software, welche die eintreffenden Textnachrichten in eine computergenerierte Stimme verwandeln konnte, wurde eine Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichen Raum hergestellt und damit erneut auf die Notwendigkeit einer kritischen Kunstpraxis hingewiesen. So zeigte sich schließlich auch die Stadt Wien dazu bereit, dem kulturellen Stellenwert von Public Netbase Rechnung zu tragen. Hatte sich der Wiener Gemeinderat bereits im Juni 2000 für einen Verbleib der Netzinstitution im Museumsquartier ausgesprochen, wurde ihr nun ein verstärktes finanzielles Engagement in Aussicht gestellt. Somit war ein Weiterbestehen der Public Netbase zumindest vorläufig gesichert und die Arbeit konnte in einem Zwischenquartier (zunächst in der Burggase, später in der Neustiftgasse) fortgesetzt werden. Deren Augenmerk richtete sich aufgrund der prekären Raumsituation vermehrt auf Wiederaneignungsstrategien des urbanen Raums, der als Ort medialer Inszenierung beispielhaft für die symbolische Ordnung bestehender Herrschaftsverhältnisse steht. Den konkreten Anlass hierzu gab die von der Stadt Wien seit Jahren geführte Diskussion um eine Umgestaltung des von Otto Wagner bereits als "Gegend" verschmähten Karlsplatzes. So gilt der Platz inmitten Wiens der heutigen Öffentlichkeit vornehmlich als stark frequentierte, durch Verkehrsadern zerschnittene "Verkehrshölle" und deren unterirdisches U-Bahnnetz als Heimstätte der Drogenszene. Nach Jahrzehnten der Erweiterungen und Umbauten sollte nunmehr der Karlsplatz in einen "Kunstplatz" umgewandelt werden, um den vorhandenen Institutionen (Secession, Technische Universität, Musikverein, Künstlerhaus, Historisches Museum und Kunsthalle) mehr Augenmerk zu schenken. Die Instrumentalisierung von Kunst und Kultur am Karlsplatz verweist dabei auf den politischen Willen, die urbane Brachlandschaft als Brennpunkt für ausgegrenzte soziale Gruppen gleichsam zu befrieden.

Die "Aufrüstung des Kunstraums Karlsplatz" war auch eines der wichtigsten Ziele von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny, der als ehemaliger Kunstsektionsleiter 2001 in die Wiener Stadtregierung wechselte. Der Umbau der Wiener U-Bahn bot hier auch tatsächlich die Chance, den Verkehrsknotenpunkt Karlsplatz zu einem attraktiven urbanen Raum umzugestalten und die mit dem Umbau neu geschaffenen, unterirdischen Räumlichkeiten zu einem pulsierenden Kulturstandort auszubauen. Um das Feld der Auseinandersetzung jedoch nicht erneut der Kronen Zeitung und ihrem Fußvolk zu überlassen, gründete die Public Netbase Anfang 2003 eine eigene Bürgerinitiative, die unter dem Slogan "Öffnet den Karlsplatz! Für einen Platz der offenen Kulturen" die Errichtung eines dynamischen Experimentierfeldes für das 21. Jahrhundert einforderte. In teils bewusst unbeholfener Rhetorik sollten die gefakten Statements auch in ihrer ästhetisch-inhaltlichen Form auf die Verfehlungen der Kulturpolitik in Bezug auf das Museumsquartier hinweisen. Der "Kunstplatz Karlsplatz" hätte dagegen das Potenzial zu einem Kristallisationspunkt für kritische Kultur- und Mediendiskurse zu werden, zu einem Ort für non-konforme künstlerische Auseinandersetzung, der gleichsam tief in die Welt hineinragt. Nachdem die Verantwortlichen der Stadt Wien allerdings durchblicken ließen, dass es sich bei ihrem visionären Konzept bloß um eine weitere Behübschungsaktion des Platzes handeln sollte, startete die Public Netbase einen erneuten Versuch der politischen Intervention: Um die Frage nach dem öffentlichen Raum wieder ins Bewusstsein zu bringen, veranstaltete sie im Frühsommer 2003 eine zweitägige Konferenz unter dem Titel "Open Cultures". Im "Project Space" der Wiener Kunsthalle sprachen sich die internationalen Gäste sodann für einen freien Zugang zu Information und Bildung aus, und bekräftigten damit die Forderung nach einer institutionellen Struktur für freie Medien- und Kulturschaffende.

Jenseits von emotional aufgeladenen Worthülsen wie "Drogenplatz" oder "Verkehrshölle" sollte der Karlsplatz zu einem "produktiven urbanen Dschungel" wachsen, anstatt im Sinne bürgerlicher Sicherheitsparanoia zurechtgestutzt zu werden. Dass es an konkreten Initiativen für eine kulturelle Erneuerung nicht fehlte, zeigte nicht zuletzt das "Freie Mediencamp", welches von Public Netbase, Radio Orange 94.0, PUBLIC VOICE Lab am 27. Juni 2003 gemeinsam mit MALMOE und der IG Kultur Wien errichtet wurde und den gesamten Sommer hindurch als symbolische Präsenz am Karlsplatz diente. In über einhundert Veranstaltungen wurde die existenzielle Bedrohung freier Medien durch die österreichische Kultur- und Medienpolitik thematisiert und die Sicherstellung partizipatorischer Öffentlichkeiten für eine künftige Netzwerkdemokratie eingemahnt. Dass diese nicht nur von staatlicher, sondern in zunehmendem Maße auch von privatwirtschaftlicher Seite bedroht wird, sollte eine weitere Teilkampagne am Karlsplatz deutlich machen: Gemeinsam mit der internationalen Künstlergruppe 0100101110101101.org täuschte die Public Netbase in einer öffentlichwirksamen Aktion im Oktober 2003 die Umbenennung des historischen Karls- in Nikeplatz vor, um damit auf die vielerorts bereits stattfindende Enteignung des urbanen Raums hinzuweisen. Der "hardly believeable nikeplatz trick" richtete sich allerdings nicht gegen Nike per se, sondern sollte die symbolische Dominanz von Großkonzernen im öffentlichen Raum aufzeigen. So zeichnet sich gerade in jüngster Zeit eine Verschiebung der Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem ab, in dessen Verlauf der an und für sich offen stehende städtische Raum in semi-öffentliche Räume transformiert wird. Dieser Privatisierungsprozess, wie er sich etwa an Bahnhöfen, zentralen Plätzen oder Einkaufszentren vollzieht, impliziert dabei den Ausschluss von weiten Teilen der Öffentlichkeit, insbesondere der ohnehin schon marginalisierten Gruppen.

Dass ausgerechnet der für seine subversiven Marketingstrategien bekannte Schuhartikelhersteller letztlich mit einer Klage von 78.000 Euro drohte, bestätigte die KünstlerInnen in ihrem Anspruch, die Funktion öffentlicher Räume zum Gegenstand ihrer Arbeit zu machen.
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So ist das weltweite Interesse auch damit zu erklären, dass mit diesem Projekt die wichtige Funktion einer zeitgemäßen künstlerischen Praxis verdeutlicht wurde, die sich mit den realen Produktionsmitteln einer zunehmend von Medien und Technologie bestimmten Gesellschaft auseinander setzt. Der künstlerisch reflektierende Umgang mit Zeichen der Alltagskultur und den symbolischen Inszenierungen der Stadt steht dabei beispielhaft für neue Formen der Intervention im öffentlichen Raum: "Wir sehen es als unsere Aufgabe, das Spannungsverhältnis zwischen öffentlichem Interesse und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zur Diskussion zu stellen und durch direkte Intervention in den urbanen und medialen Raum Handlungsfelder zu erweitern" (Becker 2003). Die Aktion sollte damit auch einen konkreten Impuls für einen künftigen "Kunstplatz Karlsplatz" liefern, indem sie aufzeigen wollte, wie eine Verbindung von Netzkunst, Politik und Theorie Gegenmodelle zur Repräsentationskultur anbieten kann. Allerdings wurde der für Medien zuständigen Wiener Vizebürgermeisterin, Grete Laska, eine solch radikale Konstruktion kritischer Öffentlichkeit allmählich zuviel und strich der Public Netbase als Reaktion auf das Mediencamp Ende März 2004 das Budget. Damit waren nun auch die Bemühungen zunichte gemacht, die seit dem Rauswurf aus dem Museumsquartier notwendig gewordenen Räume am Karlsplatz zu verwirklichen. Anstelle des viel zitierten "Kunstplatzes", wo sich der kritische Kultur- und Mediendiskurs gleichsam unterirdisch verfestigen sollte, entstand Österreichs erste "Schutzzone", die polizeiliche Ordnung und null Toleranz gegenüber den Drogensüchtigen signalisieren sollte.

Der sicherheitspolitische Aspekt stand dann auch im Mittelpunkt einer weiteren Aktion der Public Netbase am Wiener Karlsplatz: Unter dem Slogan "Eyes in the skies for democracy in the streets" war das gemeinsam mit dem slowenischen Künstler Marko Peljhan konzipierte "S-77CCR" als fiktive zivilgesellschaftliche Gegenüberwachungsanlage der Wiener Öffentlichkeit vom 13. bis 27. Mai präsentiert worden. Unter dem Eindruck der nach wie vor stattfindenden Donnerstagsdemonstrationen gegen die rechtskonservative Bundesregierung, sollte die Gegenüberwachung mit unbemannten Flugobjekten der Zivilgesellschaft nun endlich den nötigen Informationsvorsprung gegenüber Geheimdienst, Armee und Polizei ermöglichen. Dass die Idee einer zivilgesellschaftlichen Gegenaufklärung durchaus zu Nervosität führte, zeigten nicht zuletzt die Kommentare aus dem Innenministerium: Die von staatlicher Seite vorangetriebene Ausweitung der Überwachungssysteme, hieß es, stellten keineswegs einen "Freibrief für so genannte Gegenüberwachungen" dar. Dabei ist zu beachten, dass die schleichende Privatisierung des öffentlichen Raums ja nicht zuletzt in einer Auslagerung der öffentlichen Sicherheitsagenden an private Unternehmen besteht. Die "legale" Überwachung durch Dritte unterminiert dabei das für eine Demokratie notwendige Bewusstsein für das Private und Öffentliche und fördert die Akzeptanz von Kontrolltechnologien in all unseren Lebensbereichen. Entgegen dieser zunehmenden Enteignung des öffentlichen Raums und der damit zusammenhängenden Rechte, bedarf es also konkreter Strategien der Wiederaneignung. Dass diese neben dem urbanen, auch den digitalen Raum umfassen, zeigte die Public Netbase in ihrer Veranstaltung "Free Bitflows", wo in Konferenzen, Ausstellungen und Workshops neue Formen des Zugangs zu und der Verbreitung von Wissen diskutiert wurden. Gemeinsam mit Wiens größter Soundpolitisierung "FreeRePublic", die im Sommer 2004 bereits zum vierten Mal mit der Österreichischen HöchschülerInnenschaft (ÖH) und verschiedenen Jugendinitiativen veranstaltet wurde, war dies eines der letzten Signale, um am "Kunstplatz Karlsplatz" doch noch einen spiegelbildlich in die Tiefe gegrabenen (Medien-)Turm zu verwirklichen. So ist ein solch "inverse(r) Turm (…) keine Metapher, sondern die Erzeugung von etwas Unsichtbaren, nämlich von Diskurs und Dissens, von konfliktueller Öffentlichkeit" (Raunig 2003). Und gerade weil die Public Netbase Anfang 2006 diese unbeugsame Haltung letztlich mit der eigenen Existenz bezahlen musste, bleibt sie weiterhin Beispiel für die mögliche Umkehrung überkommener Kulturbegriffe, um so eigene Schächte in die kulturelle Landschaft zu graben – die Auszeit in der Kampfzone wird jedenfalls nicht von Dauer sein!

- Becker, Konrad: Nikeplatz. Kunstintervention im urbanen Raum, Pressemitteilung der Public Netbase, Wien, 10. Oktober 2003, Link [6.5.2007]

- Bey, Hakim: T.A.Z. The Temporary Autonomous Zone, Ontological Anarchy, Poetic Terrorism, New York (Autonomedia), 2004

- Holmes, Brian: Signals, statistics and social experiments. The governance conflicts of electronic media art, holmes_signal_statistics.pdf [6.5.2007]

- Raunig, Gerald: Inverse Türme. Strategien zur Wiederaneignung des urbanen Raums, in: Kulturrisse. Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik, Heft 02/03, 2003

- Rollig, Stella: Aber bitte mit Glasfaserkabel, in: Zur Sache Museumsquartier, Nr. 0, Wien, 1995
 
 
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